Groezrock 2016

Greozrock

Für die meisten Menschen ist das letzte Wochenende im April ein gewöhnliches Wochenende. Für die Europäischen Fans von Punk, Hardcore und Emo ist es der Start in die Festivalsession. Wer sich jetzt beschwert, dass es um diese Jahreszeit noch zu kalt für ein Open-Air Festival mit Zelten ist, wird überrascht sein, dass die für die Groezrock Fans kein Problem darstellt, schließlich feiert das Festival dieses Jahr schon seinen 25 Geburtstag. Ein Geburtstag, der letztes Jahr groß angekündigt wurde, ein Geburtstag der wieder eine ganze Fülle von Bands versprach. Bands die man in Europa nicht so oft zu Gesicht bekommt, Bands die häufiger hier auf diesem Kontinent unterwegs sind, aber nicht langweilig werden und Bands, die exklusiv für das Grenzrock nochmal aus dem Grabe auferstehen. Nach einem grandiosen Line-Up im Jahre 2015 mit Bands wie „Transit“, „Basement“ „Beach Slang“, „The Early November“, „Motion City Soundtrack“, „American Nightmare“ „Knapsack“ oder „The Hotelier“ waren die Erwartung natürlich hoch. Wenn man mit solche Namen bei der 24. Ausgabe aufwartet, wer sollte dann alles für die 25. Ausgabe kommen? Die Gerüchteküche war am brodeln: „Alexisonfire“? „blink-182“ mit Matt Skiba „Set Your Goals“? Die Listen in diversen Onlineforen waren lang und unrealistisch und doch blieb die Hoffnung, dass ein paar dieser Gerüchte der Wahrheit entsprechen würden, schließlich hatte das Grenzrock in der Vergangenheit oft genug demonstriert, wie man eine Überraschung aus dem Ärmel schüttelt und für runtergefallene Kinnladen bei den Fans sorgt. Nachdem mit „Rancid“ als Headliner auch direkt ein wahrer Paukenschlag erfolgte, wurde es leider ruhig um neue Ankündigungen. Über Monate hinweg wurden immer wieder kleinere und größere Namen veröffentlicht, darunter Bands wie „Sum 41“ „Less Than Jake“ oder die UK Emo Shooting-Stars „Moose Blood“. Alles ganz nett, aber wirklich überzeugend um einen 25. Geburtstag zu zelebrieren war das ganze nicht. Mit Ausnahme von „Saosin“, welche mit ihrem ersten Sänger Anthony Green auftraten und „The Movielife“ bliebt das Line-Up leider relativ Highlightfrei. Zumindest im Vergleich zu den letzten Jahren. Einzig eine Show von „No Use For A Name“, welche ihren 2012 verstorbenen Sänger Tony Sly bei diesem Auftritt durch diverse Gastsänger tribute zollen wollten, wirkte spannenden und steigerte noch einmal die Vorfreude.

Nachdem das komplette Line-Up zwar besagte Perle bot, aber sonst nicht wirklich überzeugen wollte, bliebt immer noch die Hoffnung auf sonniges Wetter. Dass der April bekanntlich macht was er will, wissen wir alle. So gab es beim Grenzrock schon Schnee, aber auch sommerliche Temperaturen über 20 Grad. Dieses Jahr meinte es das Wetter leider nicht gut mit dem Festival. Wochenlanger Regen sorgte dafür, dass das ganze Gelände ordentlich durchgenässt wurde und so gab es die erste Ernüchterung bei der Ankunft in Belgien: Der Campingplatz erinnerte mehr an ein Moor, als an eine Unterbringungsflasche für rund 20.000 Besucher. Abgesperrte Wiesen, die so unter Wasser standen, dass es unmöglich war ein Zelt darauf aufzuschlagen, schlammige Wege, in denen jeder Waagen stecken blieb und für die ein oder andere Rutschpartie sorgte und fast durchgängiger Regen der auch die letzte Lust nahm, sich mit Grill und Campingstuhl bewaffnet vor die Zelte zu setzen.

Auch auf dem Festivalgelände selber sah die Situation leider nicht besser aus, denn auch wenn die Bühnen mit Zelten überspannten waren, war der Weg zwischen den einzelnen Bühnen alles andere als angenehm, bevor man also knöcheltief im Schlamm stecken blieb überlegte man sich zweimal, ob man wirklich die Bühnen wechseln wollte. Glücklicherweise gab es aber auch wie die Jahre zuvor den allseits beliebten Festivalmarkt. Ein Zelt, gefühlt so groß wie die Hauptbühne, dass zahlreichen Labels, Plattenhändlern und Modemarken für zwei Tage beheimatet und in dem man auch beim zehnten Rundgang in den Plattenkisten noch allerlei Schätze entdecken konnte. Dazu gab es wieder zahlreiche Informationsstände von Non-Profit-Organisations wie der Hardcore Help Foundation oder Peta2 und eine Vielfalt an Burgerländen, Pommesbuden und Vegetarischer/Veganer Küche, die jeden hungrigen Besucher zufrieden gestellt haben dürften.

Doch der beste Weg um Regen, Wind und der daraus resultierenden schlechten Laune zu entkommen war immer noch der Grund warum man eigentlich da war: die Musik! Bereits als zweite Band am Freitag starten die amerikanischen Easycore Pioniere von „Four Year Strong“ ihre erste Europatour seit vier Jahren auf der Hauptbühne und ließen einen sofort das Wetter draußen vor dem Zelt vergessen. Mit einem stark auf „Enemy of the world“ und „Rise or die trying“ ausgerichteten Set bewies die Band, die sich mittlerweile im 15 Dienstjahr befindet, dass sie im Pop-Punk und Easycore noch längst nicht zum alten Eisen gehört.

 

FYS

Nach einer kurzen Pause ging es direkt mir der Guten-Laune-Ska-Punk Combo „Less Than Jake“ weiter, die das Publikum des Groezrocks mit ihrem eigenwilligen Humor, Dampfmaschinen, Konfettikanonen und weiter Showelemente für 50 Minuten aus dem verregneten Belgien mit ins sonnige Gainesville Rock City in Florida mitnahmen. Danach war es auch fast soweit für die erste Perle im Line-Up: „Saosin“. Die Alternativrocklegenden, die sich mit ihrem alten Sänger Anthony Green“ wiedervereinten und nun ihre erste Europashow mit ihm spielten.Dass das Set dabei ausschließlich aus Lieder der ersten EP „Translating The Name“ und dem neuen Album „Along The Shadow“, den einzigen Veröffentlichungen mit Anthony Green, bestand schien auch niemanden zu stören. Mit den Worten „My stage is your stage“ begrüßte die Band das Publikum und forderte die zahlreichen Fans auf, die Tatsache, dass es keine Absperrung gab, für Stagedives und Crowdsurfing zu nutzen. Als Abschluss des Freitags fungierten „Rancid“ welche neben ein paar ausgewählten Klassikern ihr wohl bekanntestes Album „… And Out Come the Wolves“ in voller Länge zum besten gaben. Bei Liedern wie „Time Bomb“ und „Ruby Soho“ wird man sich wieder bewusst, wie schade es ist, dass „Rancid“ so selten nach Europa kommen, andererseits macht dies auch den Reiz einer solchen Show aus. Hut ab „Rancid“ man sieht nicht oft Band, die es schaffen auf der Bühne so auf dicke Hose zu machen und trotzdem nichts an Sympathie einzubüßen!

Nach einem durchaus gelungen Freitag begrüßte einen Samstag morgen die Sonne und steigerte so die Vorfreude auf den zweiten und letzten Tag, der vom Line-Up deutlich interessanter daher kam, als der zugvorige. Los ging es mit „Rozwell Kid“ einer Band die durch ihren Sound und Image zu den neuen „Weezer“ aufsteigen könnten. Auch wenn sie sich diesmal mit einem der frühen Slots begnügen mussten, diese Band sollte man im Auge behalten! Darauf folgte beste Saktepunk Unterhaltung in Form von „Venerea“ und „Flatcat“ bevor es endlich soweit war und „The Movielife“ die Hauptbühne für 40 Minuten übernahmen. Eine Band die wie kaum eine zweite On/Off Reunions feiert, denn Sänger Vinnie Caruana machte in letzter Zeit vor allem mit seiner neuen Band „I Am The Avalanch“ auch sich aufmerksam und veröffentlicht bald ein Soloalbum, man sollte nicht zweimal überlegen hinzugehen, wenn „The Movieline“ mal wieder spielen, denn jede Show könnte die letzte sein. Gerade Songs wie „Pinky Swear“ „This time next year“ oder „Jamestown“ sind auch nach 15 Jahren noch verdammt genial! Danach blieben gerade noch ein paar Minuten um die Bühne zu wechseln und sich rechtzeitig durch den Schlamm und wieder einsetzenden Regen seinen Weg zu „Modern Baseball“ zu bahnen. Leider merkte man der Band an, dass sie schon einige Wochen auf Tour waren, wer bei einer der Clubshow in Deutschland war, weiß bestimmt noch mit welcher Spielfreude und Energie sich die Amerikaner durch ihr Set spielten, auf beides wartete man bei diesem Auftritt vergebens. Dennoch macht es einfach Spaß, einem gefüllten Zelt dabei zu zusehen, wie es zu  „Your graduation“ die Fäuste hebt und der Band lauthals „I spend most nights awake“ entgegen schreit.

 

Mobo

Gänzlich anders sah es bei der Supergroupe „Me First And The Gimme Gimmes“ aus, bei der sich wieder Ranghohe Pop- und Skatepunk Veteranen zusammenschlossen um ein Set bestehen aus Coversongs von „Elton John“, „John Denver“ und anderen Musikperlen der 70er und 80er Jahren zum besten zu geben. Aber auch abseits der großen Bühnen gab es für die Fans noch etwas ganz besonderes. Am Stand von American Socks konnten sich rund 20 Leute, die es ins Zelt geschafft hatten, über einen 30 minütigen Acoustic Gig von „Four Year Strong“ freuen, die neben vielen Witzeleien auch Hits oder seltener gespielte Songs zum besten gaben. Danach ging es auch schon in den Endspurt mit den letzten vier Bands, beginnende mit „PUP“. Die Kanadier, welche zuvor noch mit „Modern Baseball“ auf Tour waren, bekamen die Ehre vor „Moose Blood“ auf der einzige Open Air Bühne des Festivals zu spielen und schafften es mit ihren eigenen Liedern und einem gelungenen „Beastie Boys“ Cover die Menge zum toben zu bringen. Eine Band, welche die Messlatte ziemlich hoch hing. Wer „Moose Blood“ zuvor schon mal gesehen hat, dürfte aber nicht verwundert sein zu erfahren, dass sie die Messlatte ohne große Bemühungen überwinden konnten. Man würde lügen, wenn man leugnet, dass es sich bei „Moose Blood“ aktuell um eine der interessantesten Bands der Szene handelt. Egal ob Hits wie „Gum“ und „Bukowski“ oder die Single „Honey“ zu bald erscheinenden Album, die Briten wissen wie man der Publikum für sich gewinnt.

unspecified

Anschließen folgte der Weg zur Hauptbühne auf der es zu einer der seltenen Shows von „No Use For A Name“ kommen sollte. Da Sänger Tony Sly 2012 im Alter von gerade mal 41 Jahren viel zu früh gestorben war, löste sich die Band zwar auf, spielt aber von Zeit zu Zeit noch Shows unter dem Namen „No Use & Friends“ wobei sie Gastsänger auf die Bühne bitten um Tony Respekt zu zollen. Wer sich jetzt auf viele Gastsänger aus dem Groezrock Line-Up gefreut hat, wurde leider enttäuscht. Statt Dan Andriano, welcher mit seinem Projekt „The Falcon“ vor Ort war oder vielleicht Deryck Whibley von „Sum 41“ gab es hauptsächlich Gesangseinlagen von Tonys langjährigem Weggefährten und „Langwagon“ Sänger Joey Cape, sowie Gastauftritte von „Face To Face“ und „Mad Caddies“ Mitgliedern. Zu einem wahren Gänsehautmoment kam es aber, als das ganze Zelt im Chor „TONY SLY TONY SLY TONY SLY!“ brüllte. Falls es einen Himmel gibt, kann man sich sicher sein, dass Tony das Groezrock an diesem Abend gehört hat. Als letzter Gast der 25 jährigen Geburtstagsfeier durften schließlich „Sum 41“ die Bühne betreten und beweisen, dass sie nach dem langjähirgen Kampf mit der Alkoholabhängigkeit von Sänger Deryck Whibley und aussteigt von Gründungsmitglied und Schlagzeuger Stevo noch eine Daseinsberechtigung besitzen. Dank einem neuen Schlagzeuger, der Wiederkehr von Dave „Brownsound“ Bakst und einem nüchternen Mr. Whibley haben es „Sum 41“ jedoch geschafft zu Hochform aufzulaufen, die man vor ein paar Jahren wohl nicht für möglich gehalten hätte. Egal ob Single Hits wie „Fat lip“ und „In too deep“ oder Coverversionen von „We will rock you“, „Sum 41“ wissen wie sie das Publikum begeistern und ein Festival würdig abschließt. Schade, dass es keine Song vom bald erscheinenden Album ins Set geschafft hat. Die Vorfreude ist jedenfalls riesig!

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Alles in allem war das Groezrock auch dieses Jahr wieder einen Besuch wert, trotzdem bliebt ein bitterer Beigeschmack wenn man an die teils schlechte Organisation vor Ort und das doch relative maue Line-Up denkt. Komm schon Groezrock, dass kannst du normal besser! Trotzdem wird sich auch nächstes Jahr wieder das letzte Wochenende im April freigehalten, das Groezrock wird auch in Zukunft eine Pflichtveranstaltung und ein Mekka für Punk und Hardcore Fans bleiben.